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Zwischen Pastell und Patriarchat
© artsybee / pixabay

Zwischen Pastell und Patriarchat

Lesedauer: ca. 4 Min. | Text: Laura Tirier-Hontoy

Wir leben in der gleichberechtigtesten Zeit unserer Geschichte. Und trotzdem feiern alte Rollenbilder ein digitales Revival. Warum Fortschritt nicht selbstverständlich ist – und warum wir den 8. März noch immer brauchen. Ein Kommentar.

Die langen Haare fallen ihr in leichten Wellen über den Rücken, dezent hochgebunden mit einer Schleife in Altrosa. Auf der geblümten Schürze ist kein einziger Fleck, obwohl sie bereits seit vier Stunden in der Küche steht und das fünfte Sauerteigbrot backt. Auf der Hüfte trägt sie ein Kleinkind, ein zweites steht neben ihr und knabbert entzückt am selbstgebackenen Dinkel-Keks.

Was aussieht wie ein Werbefilm aus den 50er Jahren, makellos und still, ist kein ästhetischer Zufall. Es ist die romantisierte Rückkehr eines Ideals, das Frauen lange genug klein gehalten hat. Neu verpackt für eine Generation, die glaubte, weiter zu sein.

Auf Social Media hat der Trad-Wife Trend richtig Fahrt aufgenommen. Der Begriff „Trad Wife“ steht für „Traditional Wife“ – also die bewusst gewählte Rückkehr zu einem klassischen, meist stark idealisierten Rollenbild von Ehe und Familie. Junge Frauen backen Kuchen und erzählen nebenbei von weiblichen und männlichen Energien. Wieso wir Frauen nicht arbeiten sollten, außer im Haushalt. Wieso wir alle (mehr) Kinder bekommen müssen. Wieso es ein Privileg ist, wenn wir uns den Männern unterordnen „dürfen“. Unterwürfigkeit ist weiblich, Führung ist männlich, zurück an den Herd, du Girlboss!

Geschäftsmodell Nostalgie

Ironisch dabei: Viele der bekanntesten Trad-Wife Influencerinnen sind selbst erfolgreiche Unternehmerinnen. Sie verdienen Geld mit dem Content, der anderen Frauen empfiehlt, auf Lohnarbeit zugunsten der Familie zu verzichten. Während sie an perfekt inszenierten Küchen von weiblicher Hingabe sprechen, laufen im Hintergrund Kooperationen, Werbedeals und eigene Produktlinien. Das Bild der wirtschaftlich abhängigen Hausfrau wird zur Marke: monetarisiert und algorithmisch optimiert. Es ist ein Geschäftsmodell und kein Schicksal. Der Retro-Look mag nostalgisch sein. Das Business dahinter ist es nicht.

Dass unsere Mütter und Großmütter noch vor 50 Jahren um so grundlegende Rechte kämpfen mussten, wie zum Beispiel dass wir einen Beruf unserer Wahl ausüben dürfen, ohne vorher die Erlaubnis eines Mannes einzuholen, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Erst 1977 wurde die sogenannte „Hausfrauenehe“ abgeschafft, eine gesetzliche Regelung, die Frauen zur Haushaltsführung verpflichtete und dem Ehemann das Recht gab, das Arbeitsverhältnis seiner Frau fristlos zu kündigen. Zwei Generationen. Mehr Abstand liegt nicht dazwischen. Vielleicht ist das genau der Punkt. Der Fortschritt fühlt sich stabil an – bis man realisiert, wie er langsam wieder bröckelt.

Vielleicht funktioniert der Trad-Wife-Trend auch deshalb so gut, weil wir in unsicheren Zeiten leben. Zwischen Klimakrise, wirtschaftlichen Sorgen, Dauererreichbarkeit und dem ständigen Anspruch, alles gleichzeitig sein zu müssen – erfolgreich, attraktiv, selbstoptimiert – wirkt ein klares Rollenbild plötzlich beruhigend. Eine Welt, in der Aufgaben verteilt sind, Zuständigkeiten eindeutig erscheinen und Identität nicht täglich neu verhandelt werden muss. Das Versprechen ist simpel: weniger Ambivalenz, mehr Ordnung. Doch Einfachheit ist nicht dasselbe wie Freiheit. Was als Entlastung verkauft wird, ist oft nur die alte Hierarchie im neuen Gewand. Oder besser: in der blütenweißen Kochschürze.

Wenn Freiheit wieder verhandelbar wird

Denn während wir heute selbstverständlich studieren, arbeiten, gründen und führen, konsumieren Millionen von Menschen Content, der genau diese alten Abhängigkeiten wieder romantisiert. Als wäre wirtschaftliche Selbstständigkeit ein überbewertetes Nebenprojekt. Als sei Unterordnung eine ästhetische Entscheidung. Gleichzeitig verdienen Frauen im Schnitt weiterhin weniger als Männer, leisten den Großteil unbezahlter Care-Arbeit, sind überproportional von Altersarmut betroffen. Die Zahl der Femizide erschüttert Jahr für Jahr – und in Podcasts und Kommentarspalten wird Misogynie wieder salonfähig, verpackt als „Meinung“ oder „Provokation“.

Reden wir mal ganz offen: Ich backe gerne Kuchen. Ich putze – mal mehr, mal weniger gern – meine Wohnung. Ich liebe meinen Ehemann und möchte unglaublich gern Mutter werden. Aber ich liebe auch meinen Job. Ich liebe es, mit meinem Können Geld zu verdienen. Geld, das mir Unabhängigkeit ermöglicht. Ich will weiterhin in Meetings sitzen, in denen meine Stimme zählt und ich nicht nur Tischdeko bin oder den Kaffee serviere. Vielleicht gehe ich irgendwann in Teilzeit. Vielleicht höre ich irgendwann ganz auf zu arbeiten und konzentriere mich auf meine Kinder. Aber ich will, dass es meine Entscheidung ist. Und ich will, dass meine Töchter diese Entscheidung ebenso selbstverständlich treffen können.

Eine Frau, die freiwillig zu Hause bleibt, ist nicht das Problem. Ein System, das ihr keine echte Wahl lässt, dagegen schon.

Sauerteig und Selbstbestimmung

Der Kampf um Gleichberechtigung ist nicht Geschichte. Er hat nur seine Form verändert. Genau deshalb braucht es einen feministischen Kampftag. Nicht, weil wir nichts erreicht hätten – sondern weil Errungenschaften nicht unzerstörbar sind. Rechte verschwinden selten spektakulär oder mit einem großen Knall. Sie werden infrage gestellt, relativiert, verspottet. Sie werden umetikettiert als „übertrieben“, „unnötig“, „Ideologie“. Die Mächte, die uns zurück in die Zeit der Hausfrauenehe schicken wollen, treten heute nicht mehr im Anzug mit Gesetzesentwurf auf. Sie kommen als Lifestyle, als Podcast-These, als vermeintlich harmlose Nostalgie. Sie lachen, während sie Zweifel säen. Und profitieren davon, wenn wir glauben, der Kampf sei längst gewonnen. „Ihr habt doch schon alles“, sagen sie, und arbeiten im Hinterzimmer daran, uns die hart erkämpften Rechte wieder abzuerkennen.

| Die 40. Frauenkulturtage in Herten bieten ein buntes Programm rund um das Thema Frauenrechte.
Foto: Stadt Herten

Vielleicht sieht es harmlos aus, dieses Bild von Mehlstaub und Pastellschleife. Vielleicht wirkt es wie eine private Entscheidung, wie ein Lifestyle unter vielen. Aber hinter der ästhetischen Nostalgie stehen Interessen, die uns Frauen alles andere als wohlgesonnen sind. Es geht nie nur um Sauerteig oder Schürzen. Es geht um Macht, um Abhängigkeit, um die Frage, wer entscheiden darf.

Und genau deshalb braucht es den 8. März. Nicht als Ritual, nicht als Blumengruß, sondern als Erinnerung daran, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist. Eine politische Realität, die hart erkämpft wurde und umso härter verteidigt werden muss.

Die Frage ist nicht, ob wir Kuchen backen dürfen. Die Frage ist, ob wir frei entscheiden dürfen, was unser Leben ausmacht.

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